Lennart Martin
8. März – 1. Mai 2026





Fotos: Dirk Wüstenhagen
Lennart Martins Bilder stellen Personen dar, die in unserem heutigen medialen Umfeld eine wichtige Rolle spielen (Bodybuilder Sam Sulek, Bob Dylan, Höcke, Mioska, Trump, Vance, Nietzsche, Mussolini, Eilish, usw.). Diese Personen können lebendig und handlungsmäßig aktiv, genauso können sie aber auch tot oder rein fiktiv sein. Ausgewählt hat er sie, weil ihr aktuelles oder ehemaliges Handeln, ihre Anschauungen, Haltungen massiv den medialen Raum bevölkern. Dabei mischen sich die Erzählungen über sie mitErfindungen, heroischen Aufladungen oder Fälschungen zu ihnen. Ihr Einfluss ist weder mess-, noch kontrollierbar, er ist nur spür- oder ahnbar.
Mit Wirklichkeit verbinden wir direkte, zurechenbare Kausalitäten. Hier aber ist Kausalität nicht mehr greifbar oder verortbar. Es lässt sich daher kontrovers darüber diskutieren, wie diese Phänomen einzuordnen sind. Außerdem ist die ganze Kette der Verwandlungen, der entstandenen Zwischenglieder unüberschaubargeworden.
Unter einer nüchternen Perspektive könnten wir diese medialen Erscheinungen einfach als Fiktionen abtun.Sie spuken aber wie ein Virus in unseren Vorstellungsräumen umher, stecken an, verbreiten sich, beeinflussen unmerklich unsere eigenen Anschauungen, lagern sich auf eine diffuse Weise in unseren Motivationsräumen ein und wirken auf unsere Handlungen.
Wegen seiner stabilen Gegenwärtigkeit glauben wir immer noch, dass das Sichtbare um uns herum zu großen Teilen von den medialen Einflüssen freizuhalten ist, dass es lediglich anzeigt, was der Fall ist, und dass die Erzählungen woanders stattfinden. Die Bilder von Lennart Martin führen eindringlich vor Augen, dass es nicht äußere Manipulationen sind, die das dargestellte Sichtbare in Bildern korrumpieren, sondern dass Bilder selbst das Dämonische oder Abgründige im scheinbar Dokumentarischen aufdecken und in anderer Weise zum Sprechen bringen können.
Durch seine Behandlung der Farben, der Konturen, der Modulation und der Hell-Dunkel Entwicklungen in der Farbe lässt er das Unheimliche eindringen. Die Intensivierung durch Farbschichten, die sorgfältigeAuswahl der einzelnen Töne, die scharfen kontrastiven Gegenüberstellungen, die Brechungskanten, die scheinbar harmlosen schwellenden Schattierungen in der Farbe, die zarten, aus dem Nichts auftauchendenFarbrinnsale von Blau, Rot, Violett oder Schwarz, die losgelösten Farbinseln: all das sind die Mittel, durch die er ein bewegtes Leben im Bild mit unauslotbaren Kräftehintergründen entwickelt. Ein weiteres wichtiges Element sind die von ihm entworfenen Rahmen, die das Bildgeschehen unterschiedlich historisch verorten. Das scheinbar Stabile gerät in Schwankungen, auch die scharfen Grenzziehungen in Form der malerischen Konturen verheißen alles andere als Sicherheit. Das leichte Bewegungsspiel, die scharfen Farbkontraste, die zerfließenden Weichheiten verweisen auf Konflikte, Gegensätze, verschiedene Sphären und Potentiale unter der Oberfläche, die eine in sich stimmige Deutung unmöglich machen und stattdessen ein tiefes Unbehagen verbreiten. Nichts scheint ausrechenbar zu sein, die Kräfte in ihrer Dimension weder einschätzbar noch in ihren wirkenden Ergebnissen vorhersehbar. Die dargestellte Wirklichkeit auf Lennart Martins Bildern ist in eine kalte Emotionalität getaucht, von der wir nicht wissen, welche Erregungen sich aus ihr entwickeln.
Die meisten seiner Motive sind erkennbar. Bei dem Ensemble der neun Bilder ‚Men of the West’ handelt es sich um eine Mischung aus amerikanischen Filmdarstellern und Wirtschaftsakteuren. Erstere sind Tolkiens Verfilmung Herr der Ringe entnommen: Aragorn, Bilbo, Saruman, Frodo, Gandalf. Letztere sind mittelalteAkteure aus der neueren kalifornischen Techszene: Palmer Luckey (Anduril), Joe Lonsdale (Palantier), Peter Thiel (Palantier, Mithril Capital), JD Vance (Mithril Capital, Narya Capital). Diese verfügen über engsteVerbindungen zu Trump, entwickeln KI gestützte Waffensysteme oder komplexeste Datenanalyse- und Überwachungssysteme. Gleichzeitig haben sie Risikokapitalgesellschaften gegründet, die jene Firmensteuern und finanziell versorgen. Über JD Vance greifen sie direkt in den politischen Raum ein, ohne sich durch demokratische Rückkopplungen Fesseln anlegen zu lassen. Ihre Vorbilder leben in Phantasy-Erzählungen wie Herr der Ringe, deren Symbole sie teilweise als eigene Firmenlogos adaptierten. Es ist eine Entfesselung aus dem Magischen, welche keine Grenzen mehr zu kennen scheint.
Das diesem Magischen zugeordnete Sehen ist zugleich nach Außen und Innen gerichtet, die Zentrierung durch Pupillen entfällt. Es greift nach allen Richtungen aus. In dieser Welt ist das Gute vom Bösen nicht mehr klar zu unterscheiden. Alte und neue Idole fließen in diesen großen magischen Raum ein undvermischen sich. Ihre Botschaften driften, schweben durch den medialen Raum, verwandeln sich beständig. Es ist nicht mehr unterscheidbar, was das Klare und Feststehende, was das Weiche und Korrumpierbare ist, wie beides im sichtbaren Raum zueinander beziehbar ist.
Kunst als ein zentrales Feld der Wirklichkeitserschließung muss sich dieser Phänomene annehmen und immer wieder kondensierte Momentaufnahmen für uns bereithalten, die das Erschrecken über diese Verwandlungen anschaulich werden lassen. Der Titel der Ausstellung ist ein Zitat aus dem 5. Kapitel von Nietzsches Zarathustra. Zuvor heißt es: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch,über einem Abgrunde. Ein gefährliches Hinüber, ein gefährliches Auf-dem-Wege, ein gefährliches Zurückblicken, ein gefährliches Schaudern und Stehenbleiben.“
Rolf Hengesbach
