Moritz Neuhoff・Michael Venezia
12. Juli – 28. August 2026
Malen ist ein materialer Prozess, der sich durch Farbe und Auftragsweisen vollzieht. Jeder Malende muss sich entscheiden, ob und wie dieser Prozess in seinen vielen einzelnen Schritten sichtbar wird und wie seine Spuren ins Bild eingeschrieben werden sollen? Oder besteht die Absicht gerade darin, den Prozess zum Verschwinden zu bringen? Welches Ausmaß soll diese Umkehrung annehmen? Welche Glaubwürdigkeit und welche sinnliche Präsenz soll ihr zugeschrieben werden?
Malen ist zugleich ein Prozess, welcher auf Darstellung ausgerichtet ist. Diese kann in einer Figuration, einer Szenerie oder in der Erzeugung einer Struktur des Malens selbst bestehen. Wie bewusst entsteht jede Malbewegung, wie sind die zusammengefügten Momenten der unterschiedlichen Auftragsweisen beabsichtigt, aus welchem Umfeld sind die Farben gewählt und welche Fein- oder Grobgestalt der Farbspuren soll erzielt werden.
Das Ineinander von physischer Aktion, überlegter Intentionen und auf die Betrachter ausgerichteter Reflexionen, das Eingehen auf ihre Erwartungen und ihre Enttäuschungen hat in der Malereigeschichte vielfältige Verwicklungen provoziert.
Wir zeigen zwei Maler, die mehr als zwei Generationen trennt. Beide vereint aber, dass ihre Bilder als imaginäre Räume von flüchtigen Gesten farbiger und leuchtender Erscheinungen wahrgenommen werden, obwohl sie aus realen Malpraktiken entstanden sind: Michael Venezia 1936-2025 | Moritz Neuhoff geb. 1987.
Michael Venezia, geb. in New York, mit den Vertretern der skulpturalen Minimal-Art freundschaftlich verbunden, suchte Ende der Sechziger nach anderen Formen der Distanzierung vom Bild als die Hard-Edge Malerei. Er fand sie in einer prozesshaften Malerei, die die Sprühpistole benutzte und das Bild nicht mehr von seinem Zentrum und nicht von einer der Bildfläche aufoktroyierten Struktur, sondern von seinen Rändern anging und das Zentrum mit einem diffusen, dem Entschwinden anheimgestellten Sprühnebel belegte. Außerdem entschied er sich auf Farbigkeit zu verzichten und ‚unfarbige’ Metallicpigmente zum Einsatz kommen zu lassen. Wenig später reduzierte er die Ausdehnung der Bildfläche radikal auf eine schmale Horizontlinie, an der er die Ambivalenz des Horizonts demonstrierte: versucht man ihn zu erreichen, dann erfährt man zwar etwas von seiner Feingestalt, aber die Übersicht über seine Weite oder Ferne geht verloren. In den Achtzigern wechselte er von der Sprühpistole zum Palettenmesser als Auftragsinstrument und in den Zweitausendern zum Pinsel. Mit dem Palettenmesser kann man größere Mengen an Farbe auftragen, mit dem Pinsel nur beschränkte Portionen. Der Pinsel atmet gleichsam die Farbe in einem Kraftakt bei der Aufnahme der Farbe ein und atmet sie langsam in dem Abstreifen der Farbe aus, so dass sie ihm zum Ende hin entschwindet. Diesen Prozess nutzte Venezia, um in unterschiedlichen Überlagerungen verschiedene Farben auftauchen und nach einem kurzen Moment wieder abtauchen zu lassen, wobei er vielfach auch Metallicpigmente aus seiner früheren Schaffensphase oder auf Weiß und Schwarz zurückgriff, die diesem Auf und Ab zusätzlich ein Auf- und Abflackern von Licht verlieh.
Moritz Neuhoff kam in seiner Jugend über das Sprayen im öffentlichen Raum zur Malerei. Auch nach seinem Kunststudium blieb die Sprühpistole ein wichtiges Auftragsinstrument, nur dass er diese mittlerweile in den unterschiedlichsten Konstellationen von Großdüsen bis hin zu kleinsten Feindüsen handhabt und mit dem Pinsel auf den verschiedensten Ebenen oder Malschichten interagieren lässt. In die gleichmäßige Belegung einer Fläche mit Farbe greift er immer wieder ein, mal um durch die Aktionen des Pinsels Furchen zu erzeugen, um der Fläche eine ‚Fruchtbarkeit’ zuzuführen, mal um Erhebungen zusätzlich hervorzuheben oder durch Überlagerungen in eine andere Räumlichkeit zu versetzen. Auch die Akzentuierung verschiedener Richtungen auf der Fläche führt zu Verschlingungen, Desorientierungen, Wahrnehmungsschwindeln, springenden Blickpunkten und doch auch in diesem komplexen Dickicht zu einer malerischen Gesamtstruktur wie die eines Schleiers, bei dem es Auf- und Abwallungen gibt, die Ahnungen ermöglichen, aber das erhoffte Greifbare doch in eine Ungreifbarkeit führen.
Wir möchten in der Ausstellung zeigen, dass sich beide Maler trotz der zwischen liegenden fünfzig Jahre auf Augenhöhe miteinander bewegen, dass der zeitliche Abstand sich in den einzelnen Werken nicht bemerkbar macht und die Rätselhaftigkeit des materialen Bildprozesses und gleichzeitig die der dargestellten Bildstruktur uns Betrachter ergreift und auf unterschiedliche Wege des Entschwindens mitnimmt, die nicht einfach irgendwo enden, sondern uns in einen offenen Horizont der Selbstfindung weiterschreiten lassen.
Rolf Hengesbach
