SUNNY EMBANKMENT

Christopher Muller

8. September – 30. Oktober 2026

Kann man bei einem fotografischen Bild die Orientierung verlieren, nicht wissen, von wo der Blick ins Bild eintauchen soll, ob er nach oben oder unten, nach rechts oder links zu lenken ist und trotzdem begreifen, dass ein Angebot unterschiedlicher Orientierungen, verschiedener Perspektiven und Eindringtiefen und zugleich ein übergangsloses Ineinandergreifen zweier Nahräume stattfindet? Die Dinge / Motive stellen normalerweise die Akteure dar, die durch ihre Einbettung in einen Kontext Rollenzuweisungen erhalten. In Mullers neuen, digital montierten Zusammenfügungen zweier Bilder fordert die widersprüchliche Kontextualisierung uns auf, über gewohnte Orientierungen hinauszugehen und damit verbunden neue Rollen für Motive herauszufinden, gleichzeitig die ähnlich scheinenden Atmosphären der beiden Bildpartien auf ihr Bedingungsverhältnis zu befragen und damit die Gültigkeit, Wirkmächtigkeit, Vertrautheit visueller Angebote tiefer zu reflektieren, da mit den verschiedenen Aufnahmezeiten der beiden fotografischen Aufnahmen die Zeitlichkeit der Bilder auf eine andere Stufe gehoben und damit der Weltkontakt des Bildgefüges ein anderer ist.  

Mit der Serie der kombinierten Landschaften werden Grundelemente von Fotografie hervorgehoben, die normalerweise als Selbstverständlichkeit im Hintergrund jeder fotografischen Aufnahme verbleiben: das Setzen eines Fokus auf ein ausgewähltes Motiv, seine Einpassung in einen Kontext und die atmophärische Belebung. Mit Mitteln des optischen Zugriffs, d. h. der Auswahl eines Objektivs bestimmer Brennweite und Tiefenschärfe, sowie des Abpassens oder Erzeugens einer geeigneten Lichtsituation und farblichen Abstimmung, sowie Kontrastierung kann das Motiv herausgehoben werden. Über die Auswahl der entsprechenden Schärfe- und Unschärfe-Ebenen kann der Kontext mehr oder weniger zum Dialog mit dem Motiv gebracht werden. Muller bringt zwei unterschiedliche Motive und zugleich zwei Kontexte in einen Vergleich zueinander, nicht durch Gegenüberstellung, sondern durch formales Einander-Nähern, durch nahtloses Ineinander-Fließenlassen des Umfeldes. Dies erstaunt beim ersten Anblick durch das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Orientierungen im Verbund mit perspektivischen Verschiebungen und differenten visuellen Eindringtiefen. Wir sind gewohnt, uns in Bildern über die Unterkante zu orientieren, weil sie uns Gegenstände und Situationen anzeigt, die zu unserem Betrachterstandpunkt sich in einer aufrechten und nächsten räumlichen Orientierung befinden. Bei Mullers Bildern sind verschiedene Orientierungen gegeneinandergesetzt. Zugleich müssen wir uns jeweilige Perspektiven, sowie räumliche Eindringmöglichkeiten oder Raumversperrungen zueignen. Die Aufmerksamkeit wird sich zuerst auf den Verbindungsraum der beiden zusammenmontierten Bilder richten. Von da aus greift unser Sehen in unterschiedliche Richtungen aus, springt hin und her, sucht nach Standpunkten, gleitet in die Tiefe, vergleicht, bringt etwas zusammen, das in der normalen Weltbetrachtung nicht beisammen ist.

Die dualen Bildstücke beleben unser Imaginieren, setzen andere Zugänge und Rollenangebote in Gang, durchbrechen vertraute Ordnungen, schaffen andere Zugehörigkeiten. Die Bilder zeigen vom Menschen geschaffene Raumsituationen oder von ihm hergestellte Dinge, ohne dass der Mensch selber sichtbar ist. Wir sind aber implizit aufgefordert, sowohl den Raum wie auch die Dinge in ihrer Verfügbarkeit und in ihrem So-Gewordensein uns anzueignen oder darauf zu zugehen. Die Gegenstände erscheinen in beiden Bildpartien realgroß, haben darüber eine natürliche Verknüpfung zu uns und fordern unserer körperliche Projektion auf sie ein. Zugleich wird die Rolle des Atmosphärischen befragt, die durch die Lichtsituation, die Abstimmung des Farblichen und die Kontraste entstanden sind. In ihrem Zusammenklang erzeugen sie Stimmungen. Stimmungen sind nicht am Einzelnen greifbar, sondern ergeben sich aus einer emotionalen wie kognitiven Hinwendung in einer Gesamtschau. Diese Art von Gesamtschau wird in den Zusammenfügungen anders und bewusster eingefordert. In dem übergangslosen Hin und Herwandern unseres Sehens nähern sich die jeweiligen Stimmungen einander an. Dadurch entstehen Fragen danach, welche der beiden Partien die atmosphärische Basis setzt, welche eine Ergänzung/Erweiterung oder eine Art von Tieferlegung oder eine Infragestellung des Atmoshärischen darstellt. Gleichzeitig werden in der Offenlegung des Atmosphärischen Dinge aus ihrer festen Verknüpfung mit Kontexten herausgelöst, stärker freigestellt, um am Spiel oder der Durchwirkung des Atmospärischen sich zu beteiligen. Sie rücken uns darin in einer nichtgewohnten Weise näher und öffnen sich für andere Anknüpfungen an sie.

Um genau diese Offenstellungen, atmosphärischen Weitungen und anderen Verknüpfungen mit uns zu ermöglichen verzichtet Muller darauf, eine alles integrierende, klärende Fernsicht anzubieten. 

Neben diesen Rätsel-Landschaften sind in der Ausstellung neue Stillleben-Fotografien zu sehen, die sich auf unsere älltägliche Wohn­welt beziehen. Stärker als in früheren Arbeiten ist unser räumliche Zugang zu den Dingen und die räumliche Abgrenzung zwischen den Dingen, sei es durch Komprimierung oder durch Dehnung des Zueinanders herausgearbeitet, gleichzeitig das wechselhafte Lichtspiel, sowie das im Zwielicht Auftauchen und Abtauchen von Dingen thematisiert. Muller führt die Dinge immer wieder an Grenzen, sei es durch perspektivisch provozierte oder bildhaft erzeugte Schnitte – die von konventionellen Kompositionsschemata bewusst abweichen – in welchen sich eine Härte, eine Präzision des fotografischen Moments und zugleich eine Rätselhaftigkeit offenbart. Das Rollenverhalten und auch die Entfaltung von Rollen der Dinge wird durch diese Grenzziehungen und Abstände suggestiv gesteigert. Geöffnete Türen, Wandecken, Tischkanten, Fliesenspiegel, Schatten oder andere Weisen linearer Abgrenzungen fungieren als aktive Zuweisungen kontrastiver Entfaltungsmöglichkeiten, die das Antiästhetische, Banale, Alltägliche in eine ästhetische Dimension hineinzwängen.

Schließlich werden zwei Reihen von Malereien auf Papier gezeigt mit Motiven aus dem Nahraum des direkt Greifbaren: die Tasten eines Klavieres und die Gitterstäbe eines Balkons. Die Zartheit, Weichheit, Fingerfertigkeit der Aquarelle, die in ihnen in den Malverläufen gespeicherte Zeitlichkeit paart sich hier mit Handlungen des für den Betrachter Anfassbarem und zu Sehendem. Licht- und Dunkelheits-Modulationen wechseln sich ab wie die Töne auf einer Palette von mit uns verbundener Lebensstimmungen.